Geißelspinnen richtig halten
Der große Haltungs-Guide für Einsteiger und Fortgeschrittene
Geißelspinnen gehören zu den außergewöhnlichsten Spinnentieren der Welt. Mit ihren extrem langen Tastbeinen, den kräftigen Fangarmen und ihrem nahezu außerirdischen Aussehen wirken sie auf viele Menschen zunächst einschüchternd. Tatsächlich gehören sie jedoch zu den friedlichsten und faszinierendsten Terrarienbewohnern, die man halten kann.
Obwohl sie oft als "Spinnen" bezeichnet werden, unterscheiden sie sich in vielen Punkten deutlich von echten Spinnen. Wer ihre Bedürfnisse kennt, wird mit einem aktiven, spannenden und vergleichsweise pflegeleichten Terrarientier belohnt.
Was sind Geißelspinnen überhaupt?
Geißelspinnen gehören zur Ordnung Amblypygi und zählen zu den Spinnentieren (Arachnida).
Trotz ihres Namens besitzen sie einige Besonderheiten:
- keine Giftdrüsen
- keine Spinnwarzen
- keine Giftklauen
- völlig ungefährlich für den Menschen
Stattdessen verfügen sie über zwei hochentwickelte Fangarme (Pedipalpen), mit denen sie ihre Beute blitzschnell greifen.
Das auffälligste Merkmal sind jedoch die extrem verlängerten Vorderbeine. Diese dienen nicht zum Laufen, sondern als hochsensible Tastorgane. Mit ihnen "ertasten" Geißelspinnen ihre gesamte Umgebung.
Verbreitung
Geißelspinnen leben überwiegend in:
- Mittel- und Südamerika
- Afrika
- Südostasien
- Australien
- Karibik
Die meisten Arten bewohnen:
- tropische Regenwälder
- Höhlen
- Felsspalten
- Baumhöhlen
- lockere Rindenstrukturen
Fast alle Arten bevorzugen dauerhaft warme und feuchte Lebensräume.
Das richtige Terrarium
Da Geißelspinnen hervorragende Kletterer sind, ist die Höhe des Terrariums wichtiger als die Grundfläche.
Für Jungtiere
20 × 20 × 30 cm
Für mittelgroße Arten
30 × 30 × 45 cm
Für große Arten
mindestens 45 × 45 × 60 cm
Mehr Platz wird selbstverständlich gerne angenommen.
Ausbruchssicherheit
Geißelspinnen sind erstaunlich geschickt.
Sie können:
- Glas hochlaufen
- Silikonfugen nutzen
- kleinste Spalten finden
Deshalb gilt:
✔ dicht schließende Türen
✔ feine Lüftungsgitter
✔ keine offenen Kabeldurchführungen
Gerade Jungtiere passen durch erstaunlich kleine Öffnungen.
Einrichtung
Eine gute Einrichtung orientiert sich am natürlichen Lebensraum.
Ideal sind:
- große Korkröhren
- senkrechte Korkplatten
- Äste
- Wurzeln
- Felsstrukturen
- Rindenstücke
- Laub
Je mehr vertikale Strukturen vorhanden sind, desto häufiger wird man die Tiere beobachten können.
Das richtige Substrat
Das Substrat sollte Feuchtigkeit gut speichern können.
Bewährt haben sich Mischungen aus:
- Kokoshumus
- Laubhumus
- Terrarienerde
- Weißfaules Holz (je nach Art)
- Sphagnum-Moos
- Laub
Eine Schicht von mindestens 8–15 cm ist empfehlenswert.
Luftfeuchtigkeit
Die meisten Arten benötigen:
70–90 % Luftfeuchtigkeit
Dabei sollte das Substrat:
- dauerhaft leicht feucht
- niemals nass sein.
Ein Austrocknen führt schnell zu Problemen bei der Häutung.
Temperatur
Optimal sind:
Tag:
24–28 °C
Nacht:
20–24 °C
Kurzfristige Schwankungen werden meist gut vertragen.
Dauerhafte Temperaturen unter 20 °C oder über 30 °C sollten vermieden werden.
Beleuchtung
Geißelspinnen benötigen keine UV-Beleuchtung.
Da sie nachtaktiv sind, genügt:
- LED-Beleuchtung
- Tageslichtsimulation
- 10–12 Stunden Licht
Wichtig ist eher ein natürlicher Tag-Nacht-Rhythmus.
Ernährung
Geißelspinnen sind reine Räuber.
Geeignete Futtertiere:
- Heimchen
- Grillen
- Schaben
- Fliegen
- Motten
- Heuschrecken
- Wachsmotten
Jungtiere benötigen entsprechend kleinere Beutetiere.
Wie oft füttern?
Jungtiere:
2–3-mal pro Woche
Adulte Tiere:
1-mal pro Woche
Große Arten können auch längere Fastenzeiten problemlos überstehen.
Wasser
Neben regelmäßigem Sprühen sollte immer eine flache Wasserschale vorhanden sein.
Viele Geißelspinnen trinken aktiv.
Häutung
Die Häutung ist einer der empfindlichsten Momente.
Vor der Häutung:
- weniger Aktivität
- Rückzug
- Nahrungsverweigerung
Währenddessen dürfen die Tiere keinesfalls gestört werden.
Auch Futtertiere sollten entfernt werden, da sie frisch gehäutete Tiere verletzen können.
Nach der Häutung benötigt der neue Chitinpanzer mehrere Tage zum Aushärten.
Verhalten
Geißelspinnen gelten als ausgesprochen interessante Beobachtungstiere.
Typisch sind:
- langsames Erkunden
- permanentes "Abtasten" mit den Vorderbeinen
- blitzschnelles Zuschnappen bei Beute
- ausgeprägtes Jagdverhalten
Sie wirken oft erstaunlich neugierig.
Kann man mehrere Tiere zusammen halten?
Hier lautet die Antwort:
Es kommt auf die Art an.
Einige Arten zeigen:
- hohe Toleranz
- Gruppenbildung
- gemeinsames Ruhen
Andere reagieren:
- territorial
- aggressiv
- kannibalisch
Besonders Jungtiere vertragen sich häufig besser als adulte Tiere.
Eine Gruppenhaltung sollte daher nur mit ausreichend Erfahrung und nach Recherche zur jeweiligen Art erfolgen.
Fortpflanzung
Die Paarung gehört zu den spektakulärsten Verhaltensweisen.
Das Männchen:
- tastet das Weibchen ab
- führt einen Balztanz auf
- setzt ein Spermapaket (Spermatophore) ab
- dirigiert das Weibchen darüber
Nach erfolgreicher Befruchtung trägt das Weibchen die Eier in einem Eikokon unter dem Hinterleib.
Nach dem Schlupf klettern die Jungtiere auf den Rücken der Mutter und bleiben dort bis zur ersten Häutung – ein für Spinnentiere außergewöhnliches Brutpflegeverhalten.
Bioaktives Terrarium
Ein bioaktives Setup eignet sich hervorragend.
Bewährt haben sich:
- Springschwänze
- Trichorhina tomentosa
Diese reduzieren Schimmel, verwerten Futterreste und sorgen für ein stabiles Bodenmilieu.
Große oder sehr proteinhungrige Asselarten sollten hingegen vermieden werden, da sie frisch gehäutete Tiere gefährden können.
Häufige Anfängerfehler
- zu trockenes Terrarium
- fehlende Klettermöglichkeiten
- schlechte Belüftung
- zu kleine Verstecke
- Futtertiere nach der Häutung im Terrarium lassen
- dauerhaft zu niedrige Temperaturen
- Ausbruchsmöglichkeiten unterschätzen
Faszinierende Fakten
- Geißelspinnen gehören zu den ältesten heute lebenden Spinnentiergruppen und haben sich seit Hunderten Millionen Jahren nur wenig verändert.
- Ihre Vorderbeine besitzen zahlreiche Sinneshaare und Chemorezeptoren, mit denen sie Erschütterungen, Luftbewegungen und chemische Signale wahrnehmen können.
- Trotz ihres furchteinflößenden Aussehens sind sie für Menschen völlig ungefährlich.
- Einige Arten können eine Beinspannweite von über 40 cm erreichen, obwohl der eigentliche Körper oft nur wenige Zentimeter misst.
- Sie orientieren sich erstaunlich gut im Raum und finden selbst nach nächtlichen Streifzügen zuverlässig zu ihrem Versteck zurück – Forschungen deuten darauf hin, dass sie sich dabei an einer Kombination aus Tastsinn, Geruch und räumlichem Gedächtnis orientieren.
Fazit
Geißelspinnen sind außergewöhnliche Terrarientiere, die mit ihrem Verhalten und ihrer urzeitlichen Erscheinung faszinieren. Sie benötigen keine komplizierte Technik, wohl aber ein gut strukturiertes, feucht-warmes Terrarium mit vielen vertikalen Klettermöglichkeiten und sicheren Verstecken.
Wer ihre Bedürfnisse nach hoher Luftfeuchtigkeit, Ruhe während der Häutung und abwechslungsreicher Einrichtung erfüllt, wird mit einem der spannendsten Beobachtungstiere der Terraristik belohnt. Ihre lautlose Jagd, das vorsichtige Ertasten der Umgebung und ihr einzigartiges Brutpflegeverhalten machen Geißelspinnen zu echten Highlights für jeden Liebhaber von Wirbellosen.
